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Die Klagetrommel in der Erlöserkirche

Die Geschichte von tierra unida ist lang. Gegründet als Nord-Süd-Arbeitskreis unter dem Dach der Potsdamer Kirche entwickelte sich die Gruppe zu einem der kritischen und oppositionellen Vereine zur staatssozialistischen Politik. Ein wichtiger Punkt in der Geschichte des Vereins ist die solidarische Protestaktion der Klagetrommel im Zuge der chinesischen Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989. Hier das Kapitel „Wir wollten den Ton nicht abbrechen lassen – Die Klagetrommel in der Erlöserkirche“ von Jeanne Grabner im Buch „Potsdam 1945 – 1989; Zwischen Anpassung und Aufbegehren“ von den Herausgebern Grabner, Röder und Wernicke, welches sie im Jahr 1999 veröffentlichten.

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Als im Juni 1989 die chinesischen Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens blutig beendet wurden, ging ein Ruck durch die oppositionellen Gruppen der DDR. China war weit weg, doch Ferne war relativ in dieser Zeit, da uns die Industriegebiete im Donezkbecken vertrauter erschienen als das andere Ufer der Havel. China war ein sozialistischer Staat, immer ein wenig anders als die anderen Bündnispartner, unerreichbar als Reiseland, doch immer gut für die SED-Führung, diesen Staat als Beispiel zu preisen. Besonders, was die „sozialistische Menschenführung“ betraf. Das spiegelte sich in den Kommentaren der Aktuellen Kamera wider: Den Konterrevolutionären wurde das Handwerk gelegt, die Volksdemokratie schützt sich vor ihren Feinden… Menschenrechtsverletzungen gab es im Westen, hier redete man von gerechter Strafe.

Doch nicht das Schicksal der jungen, mutigen Chinesen auf dem Tienanmen-Platz war es, das uns zu allererst beschäftigte, sondern unser eigenes. Erst einige Monate später sollte der Begriff „chinesische Lösung“ geprägt werden; mit ihm warnte man uns vor der Vorbereitung und Durchführung der ersten Demonstrationen. Einige Leute sahen ein Blutbad voraus, und ihre Furcht rührte auch von der offiziell verkündeten Haltung der Staatsführung der DDR zu dem Massaker in China.

Aufgewühlt von den Fernsehbildern und den zynischen Kommentaren trafen sich in Berlin junge Leute, wachten drei Tage und Nächte, schlugen die Klagetrommel nach dem Vorbild fernöstlicher Trauerriten. In Potsdam erfuhren wir davon.

Wir wollten den Ton nicht abbrechen lassen und setzten in Windeseile alle Hebel in Bewegung, um die Klagetrommel auch bei uns aufzustellen und sie zu schlagen, wenn der letzte Ton in Berlin verklungen war. Welche Bedeutung lag in diesen Symbolen! Es scheint, dass sie dem Widerstand auf allen Ebenen ein Gerüst gegeben haben.

Ohne viel Bedenkzeit erklärten sich die Pfarrer der Erlösergemeinde bereit, die Klagetrommel aufzunehmen. Ein Betttuch, damals Mangelware, hängten wir an die Kirche, es trug die Aufschrift: „Wir trauern um die Opfer Chinas“. Wir dachten, das sei klug, weil neutral formuliert. Es waren ja auch chinesische Soldaten verletzt worden.

Deutsche Polizisten hielten dieses Plakat nicht nur keineswegs für unparteiisch, sondern sogar für illegal, da es außen an der Kirche hing. Auf diese Grenzüberschreitung wurden wir mit Nachdruck aufmerksam gemacht. Um weiterhin sichtbar zu bleiben, den Behörden aber neue Einwände unmöglich zu machen, hängten wir das Tuch in die weit geöffneten Kirchentüren, einige Zentimeter hinter den Türbogen. Öffentlichkeit war notwendig, wenn die drei Tage des Trommelns nicht eine private Trauerversammlung werden sollten, sondern ein deutlich sichtbares Zeichen des Protestes. Aus heutiger Sicht erscheint es ungewöhnlich, aber damals funktionierten Informationskanäle auf geheimnisvolle Art; es war, als besäßen die Menschen, deren Kommunikationsdrang durch die Pressezensur gehemmt wurde, eine unsichtbare Antenne für wichtige Nachrichten.

Darauf vertrauten wir in der ersten Nacht, am 28. Juni 1989, als wir nur wenige waren, die die Trommel schlugen. Doch schnell sollte sich dieses Bild ändern. Im Morgengrauen kam eine alte Frau, eine Nachbarin wahrscheinlich, in die Kirche und brachte uns Obst und Kaffee. Sie machte den Anfang, dann strömten drei Tage lang Menschen in die Kirche, junge wie alte, wechselten sich beim Trommeln ab, brachten Blumen und Kerzen, die wir auf die Eingangstreppe stellten, setzten sich in die Kirchenbänke, meditierten, redeten, sahen dem Treiben zu. Oder sie kamen zu den Andachten, die wir jeden Tag gestalteten. Bald war mehr Organisation nötig. Listen wurden ausgelegt, in denen sich die Menschen für einen Platz an der Trommel eintragen konnten. Die Trommelnden wechselten im 15-Minuten-Rhythmus, denn es waren viele, die ihrer Wut, ihrer Angst, ihrem Zweifel, ihrer Hoffnung Ausdruck verleihen wollten. Und wie sie trommelten: drängend, aggressiv und zaghaft, voll ruhiger Überzeugung oder rasendem Zorn. Jeder Ton sprach von seinem Schöpfer.

Aber nicht nur die Bewegten kamen, es kamen auch die Unbewegten. Eines Nachts machten sich das Gerücht und die Angst breit, die auf dem Kirchenvorplatz stationierten Polizisten würden in die Kirche eindringen. Es war schon weit nach Mitternacht, die Kirchenoberhäupter, die wir alarmierten, schreckten wir aus dem Schlaf. So auch den ehemaligen Konsistorialpräsidenten Stolpe, der, herbeigeeilt, die Polizeikräfte geradezu von der Kirche wegdiskutierte.

Auch die unauffälligen Unbewegten kamen. Später lasen wir in einer Akte: „Als der IM kurz nach 19.00 Uhr in die Kirche kam, waren die Anwesenden gerade dabei, ein Bettlaken zu beschriften. Die G. erklärte dem IM, dass man in Potsdam genauso wie in Berlin eine Klagetrommel einrichten will, um der ermordeten Studenten in China zu gedenken. … Der IM betonte, dass die Aktion erst kurzfristig geplant war, denn bei einer Zusammenkunft zwei Tage vorher im Rahmen eines Gemeindefestes der Erlösergemeinde wurde nichts bekannt gegeben. Um zu gewährleisten, dass die Trommel ständig geschlagen wird, sollen alle Potsdamer Basisgruppen informiert werden. Direkt angesprochen wurde die Gruppe ‚Kontakte‘, die G. führte dann aus, dass sie einige Mitglieder der Gruppe schon erwartet habe.

Der IM selbst hat sich für die Zeit von 15.30 Uhr bis 16.00 Uhr zum Trommeln eingetragen …“

Briefe kamen, andere Städte wollten das Trommeln weiterführen. Solidarität von allen Seiten. Die Potsdamer Schriftstellerin Sigrid Grabner schrieb ein Gedicht, das wir stündlich verlasen:

 

Ich trommle

in dieser Nacht der Einsamkeit und Ohnmacht

der Angst, Gleichgültigkeit und Lüge

Ich trommle

den Mut der Studenten auf dem Tienanmen

das Entsetzen der Soldaten

die Schreie der Sterbenden

die Verzweiflung der Fliehenden

die Seufzer der Gedemütigten

das Weinen der Mütter

Ich trommle

den Herzschlag der Ermordeten und Hingerichteten

den Herzschlag der Gefangenen

meinen eigenen Herzschlag

Ich trommle

den Herzschlag der Welt.

 

Drei Tage voller Bewegung waren es, gute Tage, denn wir spürten unsere Kraft. Was kommen würde, wussten wir nicht, dennoch waren wir voller Mut.

Es hätte jede Potsdamer Basisgruppe sein können, die für das Klagetrommeln die Initiative ergriff.

Thematische Abgrenzungen waren weniger wichtig als der Blick aufs Ganze. In diesem Fall war es der Lateinamerika-Arbeitskreis „tierra unida“, der den Protest in Gang brachte, eine Gruppe also, die sich – geographisch gesehen – mit dem anderen Ende der Welt beschäftigte.

Gegründet hat sich „tierra unida“ im Jahr 1983, ein Dach fanden wir in der Erlösergemeinde. Von dort aus agierten wir im innerkirchlichen Schutzraum, versuchten es auch außerhalb, was zu Bruchlandungen, vielen Schwierigkeiten und unvergesslichen Erlebnissen führte. Die Hoffnung auf eine solidarische Weltordnung bewegte uns, und da wir die ganze Welt schwer zu fassen bekamen, blieben wir im Lande, fragten nach der staatlich verordneten Solidarität, nach den Handelsabkommen und Bündnissen, bemühten uns, vom alternativen Weg Nicaraguas zu erfahren und zu berichten. Im Jahr 1989 aber gab es außer der DDR und ihrer Veränderung kaum ein anderes Thema für uns: Demonstrationen, Mahnwachen und gemeinsam mit anderen endlose Gespräche und Pläne über unsere Zukunft.

Zehn Jahre später arbeitet „tierra unida“ immer noch in Potsdam. Das mit der gerechten Weltordnung scheint doch eine längerfristige Aufgabe zu sein. Die Welt aber, und das ist gut, haben wir inzwischen kennengelernt.

Quelle des Artikels und des Fotos: https://www.politische-bildung-brandenburg.de/publikationen/pdf/potsdam.pdf